Bukarest-Kolumne

 

Bukarest ist nicht Berlin!

von Dr. Gerhard Köpernik
Bukarest, im Oktober 2008


Bei einem Besuch der Vizepräsidentin des Bundestages, Frau Susanne Kastner, in Bukarest hat Oberbürgermeister Oprescu geäußert, die Le-bensweise der Berliner sei ähnlich der der Bukarester, zumal sie so viele Jahre unter einem gewissen Regime leben mussten. Es gebe viel mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede im Leben der Bukarester und der Berliner.

In der Tageszeitung „Adevarul“ wird in einem Kommentar diese Äuße-rung Oprescus aufs Korn genommen. Mehr Ähnlichkeiten als Unter-schiede zwischen den beiden Städten? Oprescu verliere kein Wort über den Müll und die Schlaglöcher auf Bukarests Strassen!

Um die Unterschiede deutlich zu machen, wird Berlin in ein rosa Licht gerückt:

Die Verkehrsführung sichere dort den Verkehrsfluss, Berlin habe eine Stadtautobahn. Vom Flughafen Otopeni fahre lediglich ein „Express“-Bus, der gelegentlich zwei Stunden zum Zentrum von Bukarest brau-che. In Berlin dagegen gebe es mehrere Verkehrsmittel vom Flugha-fen, z. B. den AirportExpress, ein Regionalzug, der genau 28 Minuten ins Zentrum benötige (offensichtlich ist der Kommentator in Berlin-Schönefeld angekommen) und außerdem mehrere Autobus-linien, dar-unter sogar ein Nachtbus. Jedes Auto habe einen Parkplatz in der deutschen Hauptstadt und niemand parke unvorschriftsmäßig, denn darauf stünden Strafen, die weh täten. Das historische Zentrum von Bukarest sei mit Autos zugestellt, obwohl es eine Fußgängerzone sei. In Bukarest gebe es 45 U-Bahnhöfe, in Berlin 170. Rumänische Fach-leute seien sich einig, man könne den Vekehr in Bukarest nicht mit dem in Berlin vergleichen, denn in Bukarest mangele es an Organisati-on.

Einige Gebäude im Zentrum Bukarests seien baufällig, hier und da se-he man provisorische Abfallgruben. Den Respekt, den die Deutschen ihrer Geschichte entgegenbrächten, könne man auf den Berliner Stras-sen sehen: Gebäude, Trottoirs und Parks, selbst wenn sie nicht histori-sche Monumente seien, seien gut erhalten. Werbung auf den Strassen sei streng reguliert, so dass Reklame nicht das Bild der Stadt verun-stalte. Berlin könne „grüne Stadt“ genannt werden (Bukarest „graue Stadt“), weil über 60% seiner Oberfläche von Parks und Grünflächen bedeckt seien. Die Berliner seien sehr aktiv, führen Fahrrad und mach-ten Sport.

Leser des Artikels stimmen der These, Bukarest sei nicht Berlin, un-eingeschränkt zu. Der Vergleich beleidige die Deutschen, die Buka-rester würden auch unter Oprescu nicht den streunenden Hunden ent-kommen und der Gleichgültigkeit gegenüber sauberen Strassen und Grünflächen, meint der Blogger Tolerant Sadea. Der Rumäne werde nie so sein wie der Deutsche, stellt Dudu fest. Das seien zwei total verschiedene Welten, eine sei die zivilisierte Welt, die andere die kor-rupte, schreibt quo vadis in seinem Blog. Valy Vyleje, der ein merk-würdiges Rumänisch schreibt, das - wie mir erklärt wurde – von einem intelligenten Zigeuner stammen dürfte, scheint sich in Bukarest sehr wohl zu fühlen. Hier könne man blöde Typen leicht bestehlen, seinen Jeep könne man hinstellen, wo man wolle, und den Müll hinwerfen, wo man wolle.

Ganz so schlimm ist Bukarest nicht, ganz so schön ist Berlin nicht.


Befreit Sorin Oprescu Bukarest?

von Dr. Gerhard Köpernik
Bukarest, im September 2008

Neue Besen kehren gut. Diese Volksweisheit trifft auch auf Sorin Oprescu zu, der am 15. Juni 2008 als unabhängiger Kandidat zum neuen Oberbürgermeister von Bukarest gewählt wurde. Bei den Wählern kam ihm sein Ruf zugute, er habe in seiner früheren Funktion als Klinikchef „aufgeräumt“. Auf seiner Blogseite versichert Oprescu: „Doktor Oprescu operiert mit sauberen Händen“.

Gleich zu Beginn verkündete er, keine kompetente Person müsse die Stadtverwaltung verlassen, aber eine inkompetente werde kein langes Leben haben. Inzwischen mussten einige Direktoren ihr Amt abgeben - nicht nur wegen Unfähigkeit. Dem Leiter der Friedhofsverwaltung warf er z.B. vor, mafiöse Strukturen geduldet zu haben und übergab seine Akte der Antikorruptionsbehörde DNA.

Oprescu macht sich ein Bild vor Ort. Er sucht Straßenbaustellen auf und moniert, dass die Bauarbeiten nicht termingerecht abgeschlossen werden. Dass er Bauten ohne Genehmigung nicht dulden will, hat er am Herestrau-See demonstriert: Im größten Park Bukarests hatten Restaurants am Ufer des Sees Holzterrassen gebaut - ohne Genehmigung. Oprescu hat diese Terrassen nun abreissen lassen.

Nach den ersten 100 Tagen hat Oprescu einiges bewegt. Das Verkehrschaos hat aber nach der Urlaubszeit wieder voll eingesetzt, die Straßenhunde lungern und schlafen wie bisher ungerührt auf Strassen und Grünflächen, Schulen und Krankenhäuser sind nicht im besten Zustand. Nun droht auch noch die Gesellschaft, die die Stadt mit Warmwasser versorgt, sie werde wegen Zahlungsrückständen der öffentlichen Hand nicht liefern. Es gibt noch viel zu tun...


Bukarest befreit?


von Dr. Gerhard Köpernik
Bukarest, 16. Juni 2008

Am 15. Juni 2008 fand die Stichwahl für das Oberbürgermeisteramt von Bukarest statt, aus der der aus der PSD ausgeschiedene, unabhängige Kandidat Oprescu als Sieger hervorging.

Zwei Wochen vorher hatten die Bukarester keinem Bürgermeisterkandidaten eine absolute Mehrheit verschafft. Das Ergebnis des 1. Wahlgangs vom 1. Juni:
Sorin Oprescu (unabhängig): 30,17 % Vasile Blaga (PD-L): 29,48 %
Cristian Diaconescu (PSD): 12,33 % Ludovic Orban (PN-L): 11,74 %
Cozmin Gusa (PIN): 5,79 %
Dem Aufruf von Codrin Stefanescu (Konservative Partei), Bukarest von korrupten Politikern zu befreien, folgten nur 4 % der Wähler.

Dass die Bukarester den etablierten Parteien trotzdem nicht all zuviel Vertrauen schenken, zeigt die Tatsache, dass sie bei der Stichwahl den unabhängigen Oprescu mit 56.3 % zum Oberbürgermeister wählten. Sein Konkurrent von der PD-L, der frühere Innenminister Blaga, unterlag ihm mit 43,7 %, obwohl Blaga mit seinen Plakaten das Stadtbild von Bukarest beherrscht hatte, während Oprescu sich fast ausschließlich über die Medien präsentierte. Beide waren miteinander im Wahlkampf nicht zimperlich umgegangen: Oprescu warf Blaga und der PD-L geführten Stadtverwaltung Korruption vor. Sie habe nichts getan, um die Probleme von Bukarest zu lösen, sie habe im Immobiliensektor Mafiagruppen geschaffen. Die PD-L wiederum, an der Spitze Staatspräsident Basescu, bezeichnete Oprescu als Marionette des PSD-Ehrenvorsitzenden und ehemaligen Staatspräsidenten Iliescu, dem man Förderung der Korruption, Arroganz u.s.w. vorwirft.

Nach der Wahl schlägt Oprescu nun gegenüber Blaga versöhnliche Töne an. Er muss mit einem Stadtparlament regieren, in dem Blagas PD-L mit 37% stärkste Fraktion ist. Immerhin dürften PSD (22%), PN-L (28%) und PC (7%), die parteipolitisch auf Konfrontationskurs mit der PD-L sind, dazu neigen, Oprescu zu unterstützen.

Ob es Oprescu gelingen wird, Bukarest von Korruption, Immobilienspekulation und Verkehrschaos zu befreien, ist fraglich. Wenn er das in ihn gesetzte Vertrauen enttäuscht, wird die Politikverdrossenheit der Bukarester weiter zunehmen. Dann wird bei der nächsten Kommunalwahl die Wahlbeteiligung noch geringer als dieses Mal sein, wo sie mit 31% ohnehin schon sehr gering war.



Befreit Bukarest!

von Dr. Gerhard Köpernik
Bukarest, im Mai 2008

Am 1. Juni 2008 sind in Rumänien Kommunalwahlen. Auch und gerade in der Hauptstadt treibt der Wahlkampf seine Blüten: Aller Orten versprechen die Kandidaten für das Oberbürgermeisteramt und das Bürgermeisteramt in den sechs Sektoren, dass mit ihnen alles besser wird.

Besonders kriegerisch gibt sich der Kandidat der Konservativen Partei, Codrin Stefanescu, der sich als Panzer sieht (www.tancul.ro) und die Wähler auffordert, die Hauptstadt zu befreien. Sie sei im Belagerungszustand, belagert vor allem von korrupten Politikern, die die Hauptschuld am Chaos in der Hauptstadt trügen.

Auch der ehemalige Generalsekretär der Sozialdemokratischen Partei PSD und derzeitige Vorsitzende der Partei „Nationale Initiative“, Cozmin Gusa, (www.cozminprimar.ro) will mit den Übeln in der Hauptstadt aufräumen: Die Verkehrsstaus, die darauf zurückzuführen seien, dass die Infrastruktur der Stadt auf dem Niveau von 1990 stehen geblieben sei, während die Zahl der Autos sich von damals 200 000 auf heute über 1 Million verfünffacht habe. Chaos, Bürokratie und Kompetenzwirrwarr erleichterten die Korruption in der Stadtverwaltung. Die Luftverschmutzung sei eine Folge der chaotischen, profitorientierten Stadtentwicklung, der eine Strategie fehle. Wohnungen seien Mangelware, weil mit Bürobauten mehr zu verdienen sei. Auch das Fehlen von Grünanlagen und Parks erklärt er mit Firmeninteressen. Die Stadtreinigung sei nach der Privatisierung geschäftlichen, nicht öffentlichen Interessen unterworfen. Das Gleiche gelte für die Versorgung mit Wärme und Warmwasser. Mit der Sicherheit sei es wegen Machtkämpfen bei der Polizei schlecht bestellt. Bei der öffentlichen Auftragsvergabe sei der Stadtrat zu einer Abstimmungsmaschine degeneriert, so dass bestimmte Firmen auf illegale Weise hohe Gewinne machen könnten. Beispielhaft sei die Beschaffung von Bordsteinen für die Bürgersteige: Der Oberbürgermeister Videanu habe die Firma Titan Mar beauftragt, an der seine Familie zu 90% beteiligt sei. Diese Firma habe 157 km Granitbordsteine aus China günstig importiert und durch den Auftrag der Stadt 4 Mio. EUR Gewinn gemacht.

Videanu kandidiert nicht mehr für das Oberbürgermeisteramt.

Es gibt offensichtlich viel zu tun für den neuen Oberbürgermeister. „Lösungen, nicht Diskussionen“ fordert der Kandidat der PD-L, Vasile Blaga (www.vasileblage.ro). Er verspricht die Auflösung der notorischen Verkehrstaus durch Unterführungen und intelligente Verkehrsführung, u.a. durch Grüne Wellen. Er will 100 000 neue Parkplätze schaffen (was das Verkehrsaufkommen erhöhen dürfte) und die Qualität des öffentlichen Verkehrs erhöhen (die nicht schlecht ist). Bukarest soll grün werden durch neu gepflanzte Bäume. Durch mehr Transparenz will er gegen die Korruption angehen. Recht und Ordnung sind zu sichern und schließlich soll auch das historische Zentrum bis 2009 saniert werden. „Wir tun, was getan werden muss!“, versprechen die Kandidaten der PD-L.

Für die PN-L kandidiert der Verkehrsminister Ludovic Orban. Verständlicherweise gilt sein Hauptaugenmerk dem Verkehr in Bukarest, den er u.a. durch den Bau von Unterführungen und den Ausbau von Durchgangsstrassen flüssiger machen will. Er verspricht aber auch eine „grüne Revolution“ in Hinblick darauf, dass die Lebenserwartung der Bukarester wegen der Luftverschmutzung drei Jahre kürzer ist als die der übrigen Rumänen. Bukarest soll lebenswerter und schöner werden. Durch Erneuerung der Leitungsnetze können die Kosten für die Versorgung mit Wasser, Wärme und Energie gesenkt werden.

Ernst und etwas blass wirkt der Kandidat der PSD, Cristian Diaconescu (www.primarulcapitalei.ro/main/). Er wird in seinem Wahlprogramm nicht sehr konkret, betont, er stehe für den Wechsel; offensichtlich geht er davon aus, dass die Bukarester mit den gegenwärtigen Verhältnissen mehr als unzufrieden sind. Er hat sich in der Partei gegen seinen Konkurrenten, Sorin Oprescu (www.sorinoprescu.ro/sorin-oprescu.html), durchgesetzt, der anschließend aus der PSD austrat und nun als unabhängiger Kandidat sich zur Wahl stellt. Seine Kandidatur war angefochten worden, aber durch eine Gerichtsentscheidung schließlich für rechtmäßig erklärt worden. Oprescu spricht zwar die Probleme der Bukarester an, seine Vorschläge zur Lösung der Probleme geben aber nur die Richtung an, in die er gehen will. Seine Chancen, der neue Oberbürgermeister zu werden, stehen nicht schlecht. Er ist in der Bevölkerung populär, das Misstrauen der Bukarester gegen die etablierten Parteien wird im zugute kommen.

Das Rennen um das Bürgermeisteramt ist offen. Wer immer das Amt übernimmt, wird eine schwere Bürde zu tragen haben.


Erste Schritte in Bukarest

von Dr. Gerhard Köpernik
Bukarest, im Februar 2008

Die Taxipreise vom Flughafen Otopeni ins Zentrum sind in den letzten Monaten rasant auf 80 Lei gestiegen. Liegt das an der Inflation oder daran, dass die Fahrtdauer sich verlängert hat, weil die Straße Richtung Zentrum völlig überlastet ist? Vor der Stadtgrenze fragt man sich, ob man Deutschland wirklich verlassen hat: Metro und Selgros grüßen. Dann kommen die Glaspaläste der Global Player. Am Piata Presei Libere erinnert das von der Sowjetunion dem rumänischen Volk geschenkten Hochhaus im Zuckerbäckerstil an die Zeiten nach dem Krieg, die Villen am Bulevardul Kiseleff und der Triumphbogen an die Zeiten vor dem Krieg, als Bukarest noch das „Paris des Ostens“ war. Nun entstehen an den Boulevards in der Stadt moderne Bürotürme – Business gibt den Ton an.

Die Gegend um die Piata Universitatii hat sich wenig verändert. Aber auch hier tost der Verkehr, die Autos parken wild, Fußgänger schlängeln sich zwischen den schlichten Dacias und protzigen Geländewagen hindurch. Es empfiehlt sich nicht, bei „Grün“ über die Straße zu gehen, ohne nach links zu schauen: Mancher Autofahrer gibt Gas, wenn er „Rot“ sieht. Ratsam ist es, die Fußgängerunterführung unter der Piata 21 Decembrie 1989 zu benutzen, auch wenn sie nicht einladend ist: Die Treppen sind schadhaft, die Rolltreppen aus den 70-er Jahren haben wohl noch nie funktioniert, Boden und Wände sind schmuddelig. Bescheidenen Glanz verleihen dieser Passage McDonalds und eine Reihe anderer Schnellimbisse, die sich hier niedergelassen haben. Auch entlang des Bulevardul I.C.Bratianu runter zur Piata Unirii hat sich nicht allzu viel verändert, vor allem die Gehsteige sind nach wie vor so, dass man besser auf den Boden schaut. Rechterhand im Altstadtviertel um die Strada Lipscani beginnt man mit der Sanierung, die nur langsam vorankommt. Man kann sich aber vorstellen, dass dieses Viertel mit seinen engen Straßen in 10 Jahren sehr beliebt sein wird. Schon siedeln sich Modegeschäfte, Galerien und neue Restaurants an.

Ein Lob den öffentlichen Verkehrsmitteln: Die Busse sind ziemlich neu, auch die Metro hat neue Züge angeschafft, wenngleich Wagen der älteren Generation noch im Einsatz sind, die mit kunstvollen Graffitimalereien von oben bis unten bedeckt sind. Wer die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt, sollte sich – zu mindestens morgens und abends - dünn machen, denn dann sind Busse und Bahnen im Zentrum so voll, dass man nicht mehr umfallen kann. Eine Fahrt kostet ca. 30 Cent – da steht einem auch nicht viel Platz zu.

Ich suche eine möblierte Wohnung mit 2-3 Zimmer. An Maklerfirmen gibt es in Bukarest keinen Mangel. Im Internet gibt es z.B. unter www.makler.ro ein reichhaltiges Angebot, die Miete für passable Wohnungen liegt zwischen 1000 und 1500 EUR (nicht Lei) pro Monat. Da zieht mancher Rumäne wieder zu seinen Eltern und hat durch Vermietung Einkünfte, die dreimal so hoch sind wie sein Monatsgehalt. Wer vor fünf Jahren eine Wohnung für 20 000 EUR gekauft hat, kann sie jetzt für 100 000 EUR verkaufen. Dabei hatte die Nationalbank Auflagen gemacht: Käufer mussten 30% Eigenkapital mitbringen und nachweisen, dass Zins und Tilgung nicht mehr als 50% ihrer monatlichen Einkünfte ausmachten. Hätten die USA rumänische Regelungen, gäbe es jetzt keine Immobilien- und Finanzkrise. Ich finde relativ rasch eine ansprechende Wohnung – nicht über einen Makler, sondern über eine Bekannte. Einen zu kennen, der jemanden kennt, ist immer noch hilfreich


Piata Obor

Die verzweifelte Wohnungssuche hat ein vorübergehendes Ende gefunden in der „Mutter des Herrn“-Straße. Gen Süden reihen sich Beerdigungsinsitute aneinander, die meisten mit 24 h – Service, einem Rhythmus, den auch die Roma-Kinder und –Erwachsene dieser Gegend leben. Dagen ist die Straße gen Norden mit Bäumen bewachsen, stößt schließlich auf eine Kreuzung, an der ein kleines Einkaufszentrum die Ecke markiert, sich nach rechts und links Banken, Pediküresalons und Apotheken aneinanderreihen. Je nach Heimwegroute ist Stephie verzweifelt oder gelassen. „Lange wirst du dort doch nicht bleiben, oder?“ erkundigt sich der Kollege und reißt einen offiziellen Termin alleine an sich. „Du bist nicht mehr salonfähig“, konstatiere ich.
Dabei kann man die Bukarester, inklusive Wahl- und vorübergehend ansässige Bukarester, in drei Gruppen einteilen: Es gibt Leute, die die Gegend um den Piata Obor hassen, Leute, die den Piata Obor lieben, und Leute, die dort wohnen. Junge Eltern sitzen rauchend vor dem Park vor der Primaria Nr. 2, während ihre Kinder mit der Pumpe den Weg unter Wasser setzen. Männer spielen Schach. Hausfrauen kaufen ein, wie andere auf dem Markt, der bei ihnen am nächsten ist. Die Hasser finden es dort schmutzig und hässlich, unhygienisch und gefährlich, zu dezentral und wozu in aller Welt braucht man einen Angelhaken. Letzter ist der Aufhänger für die Liebhaber: Man bekommt hier alles, und alles billig. Würmer für 14, Eis für 30 Cent. Die Standmiete kostet 5 neue Lei pro Tag (1,50 €), die Frau, die mich auf das Schild hinweist, reibt sich die Augen: 3,5 waren es doch vor kurzem noch!
Vor kurzem noch,… das kann sich bald auf den ganzen Platz beziehen, der in diesem Herbst komplett umgestaltet wird, und unter anderem bebaut wird mit einer Mall. Während die einen mit Genugtuung kommentieren, dass das unzivilisierte Treiben ein Ende habe, fürchten die Marktfamilien um ihre Zukunft, woraufhin die Kritiker zynisch mehr als 8 Jahre Schulbildung für deren Kinder empfehlen. Genauso hin- und hergerissen ist Stephie: „Eigentlich mag ich den Piata Obor ja… aber wie das mit Rumänien und der EU gehen soll, da weiß ich manchmal echt nicht, ob ich zustimmen soll.“


Empfehlenswert der Artikel „Ultima toamna in Obor“ von Andrei Ciurcanu, Evenimentul Zilei vom 9. August 2006
(http://www.expres.ro/article.php?artid=268064)
und, bemerkenswert,
http://salvati-piata-obor.blogspot.com/.


Parlez-vous…


…frrrrrancais? Vom 23.-30 September war Rumänien die Hauptstadt der Frankophonie und damit Gastland für Staatsbesuch aus 24 frankophonen Ländern. Aus französischen Kreisen wurde gemunkelt, Traian Basescu spreche für ein frankophones Land nicht gut genug Französisch. Aus Bukarester Perspektive verlieft die Woche folgendermaßen: Trafic (1). Für 24 Staatschefs (die Hälfte illegal, durch Staatsstreiche oder Brudermord, an die Macht gekommen, Bukarester Presse), werden zwei Spuren der Straße vom Flughafen Otopeni bis ins Zentrum „privatisiert“. Vor jedem großen Kreisel zeigen „Autobahnschilder“ die Ausfahrten an. Piata Victoriei ist keine leere Betonfläche mehr, sondern eine mit Ampeln und Straßenmarkierungen versehrte Verkehrsinsel. Blaue Lämpchen eingelassen in die Fahrbahnrandmarkierung geben dem Platz ein funturistisches Aussehen. Calea Victoriei ist in zwei Richtungen, aber nur für Staatsbesuch befahrbar.Charles de Gaulle. Bezieht pünktlich zum Auftakt der Woche seinen Sockel am Haupteingang des Herastrau. In der Tageszeitung Gândul ist er neben Stalin abgebildet, der diesen Posten bis 1956 innehatte. Die Journalistin beobachtet, wie der Franzose versucht sich über seinen Standort klar zu werden. Er hört einen Arbeiter zwei ältere Damen belehren, es handle sich hier um Ceausescu. Die Damen, nicht auf den Kopf gefallen, bemerken jedoch einen Schnurrbart. Richtig, es sei ja auch Hitler. De Gaulle: etwas enttäuscht… L´État. Ich habe mit der Universitätsverwaltung zu tun. „Ja, kommen Sie vorbei“, sagt die Sekretärin, dann streng: „Aber nur noch morgen! Ab Mittwoch arbeiten wir nicht wegen des Gipfels der Frankophonie!“ An einigen Instituten muss dafür samstags nachgearbeitet werden. Centre Ville. Am Mittwochabend wie ausgestorben. Nur vor dem Hilton kurven einige verdunkelte Fahrzeuge, aus denen Menschen mit Kongressschildern aussteigen. Die Wiese vor dem Athenäum ist gemustert bepflanzt. Auf dem Platz, wo um 22 Uhr ein französischer Film beginnen soll, schallt derzeit lautstark Popmusik an die umliegenden Gebäude. Civilisation. In der Innenstadt ist es verboten, Alkohol auszuschenken. Eine Freundin, die sich für einen Erfolg belohnen wollte, wird an einer Bar das Glas Sekt verweigert und im Supermarkt die Weinflasche aus dem Einkaufskorb genommen. Trafic (2). Einen Abend zwischen Piata Dorobanti und Piata Universitatii. Im Taxi. Kontakt mit dem Funkkollegen: „Cristi, hai zi, wie lange dauert das hier noch?! Ich stecke fest, unde sa fug? Gestern habe ich im Fernsehen gesehen, das Zentrum sei ruhig und kaum befahren! Der Fernseher ist das dümmste Medium, um sich zu informieren! [Und das ist Dir neu?] Das haben wohl alle gesehen, und sich gedacht, hach, machen wir doch einen Ausflug ins Zentrum!! [Beruhige dich, … nur noch ein Tag. Den überstehen wir auch noch.] …“ Tout bien considéré: der Gedanke an eine „Visita de Lucru” aus kommunistischen Zeiten ließ sich nicht verkneifen, oder gehen wir noch weiter zurück: Bukarest, ein Potemkinsches Dorf…


 

Ein Gay Paradies…

… ist Bukarest noch lange nicht. Als wir am Piata Unirii ankommen, sehen wir uns suchend um. Dort drüben, auf der Ecke des Parkes stehen eine Menge Leute, ob das die Demonstranten sind? Oder die Leute dort am Boulevard? Sag mir, wenn Du jemanden siehst, der hier homosexuell sein soll, sagt ein schwuler Bekannter. Du weißt besser, wie man dann aussieht, meine Antwort. Mustere dennoch meine Umgebung. Hübsche Mädchen, ein bisschen bieder, mit ihrem Freund am Arm, muskulösem Arm. Jugendliche, ein bisschen aufmüpfig dreinschauend. Polizisten flanieren in ihren dunkelblauen Kostümen auf dem von ihnen abgeschirmten Boulevard. Sie gäben Modelle für eine schwule Modenschau her, denke ich. Statt Matrosenkostüm. An einem Stromkasten mehrere zum Teil schon übergeklebte und halb zerrissene Plakatierungen: Was wollen die Homosexuellen noch? Sie wollen heiraten. Sie wollen Kinder adoptieren. Sie wollen, dass ihre Kinder homosexuell sind. Sie wollen, dass wir so fühlen wie sie. Und noch ein letzter Satz, den ich vergessen habe. Plötzlich kommt Bewegung in die Dastehenden. Ein paar der Jugendlichen haben ihre Kapuzen übergezogen und in wenigen Minuten gibt es aggressive Handgreiflichkeiten mit den Polizisten, wir werden nach außen gedrängt, der Blumenhändler schubst zurück in Sorge um sein Asphaltbeet, Polizisten greifen einzelne heraus, zerren sie in einen ihrer großen Wagen. Wir flüchten.
Die Parade nähert sich auf dem Unirii-Boulevard der Unirii-Kreuzung. Vom Polizeikonvoi fast verdeckt. Zwischen riesigen hellgrauen Einsatzwagen leuchtet die sich den Zug entlangschlängelnde Regenbogenfahne, winken fröhlich lachende Gesichter, ein paar bunte Perücken zieren einige Köpfe, die Hände schwenken Regenbogenfähnchen. Nun wieder Bewegung in der Gruppe an der Ecke, die wir zuerst für die Demonstrierenden gehalten haben. Buhrufe erschallen von dort. Die Pferde der berittenen Polizisten tänzeln ein wenig. Wir folgen der Parade mit vielen anderen auf den Bürgersteigen des Boulevards. Auf den Stegen um die Springbrunnen des Platzes stehen die jungen Leute, jungen Paare, und buhen und pfeifen über die Wasserspringer hinweg. Jemand hält ein kleines Schild hoch: Sodom steht draufgekritzelt. Auf dem Gehweg hastende Menschen. Mir wird unheimlich.
Als das Ende einige Meter an uns vorbeigezogen ist, versuchen wir die Seite zu wechseln. Die Polizisten scheuchen uns zurück. Beim zweiten Anlauf schafft es unser Bekannter. Wir verfolgen ihn mit den Augen aus der meuternden Menge am Rand. „SA-VA-FI-E-RU-SINE!“* skandalieren die Umstehenden. Ich habe Herzklopfen. Vor dem Casa Poporului Tribünen. Der Zug wird daran vorbeigelenkt. Schließlich die Gegendemonstranten und wir ganz gestoppt. Ein angetrunkener etwa 50jähriger Mann schimpft: Dieses Land ist von oben bis unten voller Banditen. Habt ihr gesehen, wie dicke Bäuche die Polizisten haben? Er streckt seinen nach vorne. Von meiner Pension. Seit drei Monaten habe ich nichts gegessen. Aber sie werden bezahlt. Für diese kranken Kinder. Wir überqueren die Straße, klettern über den Zaun in den Park neben dem Ceausescu-Palast. Hier ist es ruhiger. In einiger Entfernung pinkelt jemand auf die Wiese. Der Urinstrahl leuchtet in der Abendsonne. SA-VA-FI-E-RU-SI-NE, trommelt es in meinem Kopf.
An der Metrostation Izvor nur noch wenige Demonstrierende. Die in der Ferne weiter buhenden Veranstaltungsgegener haben noch nicht bemerkt, dass der Zug bereits genügend Zeit hatte, sich hier vorne aufzulösen. Zwei Männer in Frauenkleidung posieren für einige Journalisten. Zwei kurzgeschorene Frauen mit Piercingringen machen sich auf den Heimweg. Ich lächle sie an. Sie lächeln zurück. Erleichterung im Gesicht. – Einen „Beweis von Intoleranz“ habe Bukarest heute erbracht, heisst es abends auf Realitatea. Vor allem die kleine Schlacht an der Ecke des Unirii-Platzes wird gezeigt, sowie einige O-Töne der Organisatoren zu den Bildern der Parade eingeblendet werden. Es wird auch der Demonstrationszug der „Neuen Rechten“ vom Nachmittag gezeigt: Familienväter mit Kindern auf den Schultern und alte Frauen mit christlichen Bildern. Sie singen schaurige Lieder.

* „Ihr sollt euch schämen!“/“Schämt euch!“

Die Gay-Parade fand statt im Rahmen des Bukarester GayFests 2006 vom 30. Mai bis zum 4. Juni 2006. Zum Veranstaltungsprogramm siehe http://www.accept-romania.ro. Etwas allgemeiner zur Situation von Schwulen und Lesben in Rumänien mit Presse- und anderen Links auch zur erstmaligen Parade im letzten Jahr siehe http://en.wikipedia.org/wiki/GayFest.

Valeska Bopp, Bukarest



Orasul Secret

Die Vögel zwitschern mich wach, die Nachbarhunde bellen später um die Wette, eins-zwei parkende Autos knirschen auf dem Asphalt, eine Zigeunerin singsangt nach Alteisen, die Stromgeldeintreiberin lässt schrappig die Tür klingeln, eine Katze hat sich jammernd in einem Baumwipfel verirrt, der seine Runden drehende Bus mit dem alten Keilriemen quietscht jede Stunde auf dem Boulevard.
Viel mehr dringt nicht nach hier hinten. Hier hinten ist genau hinter einem Block. Fährt man durch die großen Straßen der Stadt, scheint es, als bestehe sie aus Wohnblöcken. Es gibt auch viele. Sehr viele. Und es leben viele Menschen darin. Aber es gibt auch die Glücklichen, die wohnen dahinter. Und dahinter bedeutet: Ruhe. Und mit etwas Glück nimmt einem die Betonwand auch nicht die Sonne. Bildet stattdessen am Abend mit den vielen bunten Fenstern eine Kulisse, die an einen Adventskalender denken lässt.
Ausgangspunkt jeden Flanierens also hinter dem Block. Hier ein Einfamilienhausviertel, jedes Haus anders als das andere. Ebenso gegenüber vom Boulevard, auch einige neue Schlösschen, mit lila Fensterrahmen und Tiefgarage zum Beispiel. Im Zentrum verwinkelte kopfsteingepflasterte Sträßchen mit einem Gemisch von hundert Jahre alten Bürgerhäusern mit aufwendigen Glaslodgen und niedrigen abgerundeten Blocks im Bauhaus-Stil der 30er Jahre.
Und wo es nur Blocks aus den 1980er Jahren gibt? Da gibt es immer noch Bäume, mit bunter Wäsche behängte Balkone, kleine Geschäfte und unerwartet oft eine Kirche. Manchmal offenbart sich das Glück auch im Block. Der umgekehrte Blick auf verschiedenartigste Einfamilienhäuser, blühende Frühlingsbäume, den von hoher Mauer umbauten jüdischen Friedhof, einen Sonnenuntergang am anderen Ende der Stadt. Nachts der schnörkelige Schatten einer Fenstervergitterung an der Wand und das Geräusch zirpender Grillen. Die „geheime Stadt“* offenbart sich jedem, der sie entdecken möchte.

Valeska Bopp, Bukarest

* Die Besonderheiten ihrer Stadt entdecken langsam auch die Bukarester. Mit dem Titel „Orasul Secret“ startete Anfang März diesen Jahres das Stadtmagazin Timeout in Bukarest, das ich jedem rumänischkundigen Stadtbesucher nur empfehlen kann. Was aber die Spaziergänge zum Selbstentdecken noch lange nicht ersetzen sollte

Über die Autorin

Valeska Bopp ist Doktorandin des Promotionskollegs der Robert Bosch Stiftung und verbringt im Rahmen dieses Programmes für ihre Recherchen insgesamt zwei Jahre in Bukarest. Sie und ihr russischer Mann wohnen mit der Katze Ljusya in einem Haus hinter einem Wohnblock. Seit Frühjahr 2006 ist sie Mitglied der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft und schreibt für die Internetseite der DRG kleine Essays aus der rumänischen Hauptstadt.