Jour Fixe – 2 Dezember 2015, 19.00 Uhr

Judit Pompery (Berlin): Prächtig bestickt und fein gewebt: Die Trachten des Karpatenbeckens. Die Sammlung Pompery

Lichtbildervortrag

Selbst in ländlichen, traditionell orientierten Gegenden Südosteuropas sind Trachten schon lange nicht mehr die tägliche „Volkskleidung“. Die Tracht als ein Kleidungsstück, das die Ordnung einer Gesellschaft widerspiegelt, ist mit den gesellschaftlichen Umbrüchen der letzten Jahrzehnte aus der Mode gekommen. Noch vor dem 2. Weltkrieg war im Karpatenbecken genau festgelegt, welche Hauben, Hüte, Röcke, Hosen und Accessoires wer wann wo tragen durfte. An der Kleidung ließen sich soziale Stellung, Alter, Geschlecht, Familienstand, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, manchmal auch die Religionszugehörigkeit, ablesen. Die Tracht gab Auskunft über Region und Nationalität. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich die Trachten verändert, wie jede Kleidung. Zeitgeist, Politik, Migrationbewegung, aber auch technische Entwicklung, Industrialisierung und Globalisierung spiegeln sich in den Trachten genauso wider wie aktuelle Modetendenzen.
Trachten sind mittlerweile kostbare Objekte, die in Museen aufbewahrt werden oder in Privatsammlungen wie der von Judit Pompery, die auf die Frage, was sie motiviert, antwortet: “Meine Sammelleidenschaft hat meine Betrachtungsweise verändert: Man erkennt plötzlich geschichtliche, geografische, soziografische Zusammenhänge. Mit großer Überraschung habe ich festgestellt, dass die Bevölkerung des Karpatenbeckens aus vielen ethnischen Minderheiten besteht, und zwar nicht nur in den Grenzgebieten der jeweiligen Länder. Dies spiegelt sich auch in den Trachten wider und bringt einen unglaublichen Formenreichtum.“

Judit Pompery stammt aus Ungarn und studierte in Budapest Wirtschaftswissenschaften. Seit 1975 lebt sie in Berlin. Sie ist als Unternehmerin im Handelsbereich tätig. Ihre berühmte Sammlung rumänischer Trachten sowie ungarischer, slowenischer, serbischer, kroatischer und anderer Minderheiten im Karpatenbecken umfasst rund 1.300 Einzelstücke.

Ort: Im “Leonhardt” Stuttgarter Platz 21/Leonhardtstrasse 10627 B-Charlottenburg (S-Bahn Charlottenbg. U-Bahn Wilmersdorferstr.)

Die nächsten Termine:

  • 09. Dezember 2015: Nico Schmolke (Berlin): 7 Tage Bukarest – der Blick des Video-Bloggers

Vorschau auf 2016:

  • 22. Januar 2016: Sven Irmer (Bukarest): Politischer Ausblick auf 2016
  • Februar 2016: Dorothee Hasnas (Bukarest): Die Stadt -und Architekturplanung für Bukarest

Jour Fixe – 25 November 2015, 19.00 Uhr

Eva Ruth Wemme (Berlin): “Meine 7000 Nachbarn”: Rumänische Roma in Berlin

Buchvorstellung, Lesung, Diskussion

Zunächst sprang sie eher zufällig als Übersetzerin ein, wenn Roma sich im Behörden-Dickicht verirrten. Ihr Einsatz für die Neuankömmlinge aus Rumänien wurde schließlich zu einem Beruf. Sie begleitete Roma zu Ärzten, Sprachkursen, Behörden und Arbeitgebern, sie sprach an Schulen und Kitas vor, organisierte Mutter-Kind-Gruppen. Abends notierte sie ihre Eindrücke und Erlebnisse. Als Buch wecken diese kleinen Geschichten Empathie und geben den Lesern das Gefühl, sie kennten die betreuten Roma ein wenig. Es sind authentische, weil überwiegend von den Roma in eigenen Worten geschilderte Einblicke in das raue Leben dieser rumänischen Ethnie, von denen es viele nach Berlin verschlagen hat. Die kurzen Kapitel, etwa „Als ich von Deutschland hörte“, „Am Gynäkologenstuhl lehnend“, „Zehn Stunden Neukölln“, fordern die Leser heraus: mancher wird sich ertappt fühlen, weil die Anekdoten schildern, wie vorurteilsbeladen sich die „Anderen“ den Roma gegenüber verhalten. Das beherrschende Thema des Buches sind die täglichen Nöte, die unverständliche Bürokratie, die Suche nach Arbeit jenseits der Bettelei, die meistens große Unwissenheit und damit verbunden ein Ausgeliefert sein an Ausbeutung jeder Art, „wie im 19.Jahrhundert“. „Die Roma wissen, dass man eine falsche Vorstellung von ihnen hat. Eher hat man eine falsche Vorstellung als keine“. Warum sie die Geschichten aufgeschrieben hat? „Weil ich es schön finde, mit ganz normalen Menschen zu tun zu haben“.

Eva Ruth Wemme studierte u.a.in Bukarest und übersetzte wichtige rumänische Autoren wie Nora Iuga, Mircea Cărtărescu, Norman Manea. Als Autorin war sie Stipendiatin des Literarischen Colloquiums Berlin und der Alfred Döblin-Stiftung. Sie lebt in Berlin. Sie arbeitet als „Sprach –und Kulturmittlerin“ für Neuankömmlinge aus Rumänien.

Ort: Im “Leonhardt” Stuttgarter Platz 21/Leonhardtstrasse 10627 B-Charlottenburg (S-Bahn Charlottenbg. U-Bahn Wilmersdorferstr.)

Die nächsten Termine:

  • Mittwoch, 2. Dezember 2015: Judit Pompery (Berlin): Rumänische und ungarische Trachten im Wandel von Zeitgeist, Politik, Industrialisierung, Migration (Lichtbildervortrag)
  • Mittwoch, 9. Dezember 2015: Nico Schmolke (Berlin): 7 Tage Bukarest – der Blick des Video-Bloggers

Jour Fixe – 18. November 2015, 19.00 Uhr

Matthias Jobelius (Bukarest): Was bewegt rumänische Jugendliche? Studie über Werte und Einstellungen junger Rumänen. Eine Bilanz im Jahr 8 der EU-Mitgliedschaft

Rumäniens Jugend ist skeptisch und desillusioniert: etwa 90 Prozent der 15- bis 29jährigen fühlen sich von den Politikern des Landes und den politischen Parteien nicht repräsentiert. Der Kontrollfunktion der Medien misstrauen sie. Der EU-Beitritt hat sie enttäuscht: die Arbeits- und Ausbildungschancen haben sich nicht, wie erhofft, merklich verbessert. Gerade mal ein Viertel denkt, dass Rumänien auf dem richtigen Weg ist. Korruption, Armut und Arbeitslosigkeit sind für alle die größten Probleme des Landes. Fast 40 Prozent der jungen Rumänen erwägen, ihrem Land – wenigstens für einige Zeit – den Rücken zu kehren. Den Kirchen und den religiösen Führern des Landes vertrauen sie mehr als den demokratischen Institutionen. Sie beobachten, dass politischer Opportunismus den beruflichen und sozialen Aufstieg erleichtert. Folglich beurteilen junge Rumänen höchst kritisch die herkömmlichen Möglichkeiten des politischen Engagements, z.B. in einer Partei. Zwar haben sie landesweite Protestaktionen (zB gegen den Goldabbau in Rosia Montana, Sozialkürzungen) organisiert. Dennoch aber vertrauen nur weniger als ein Drittel der Kraft von Bürgerinitiativen und NGOs. Wenn es drauf ankommt, sind sie aber dabei: mit einer Wahlbeteiligung von 58 Prozent haben sie den Ausgang der 2014-Präsidentenwahl (Klaus Johannis) stark mit beeinflusst. Dies sind einige der vielfältigen Ergebnisse der Jugendstudie, die im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung für Rumänien (2014: 1302 Befragte) und für sieben weitere südosteuropäische Staaten (Albanien, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Kosovo, Mazedonien, Slowenien) erarbeitet wurde.

Matthias Jobelius leitet seit Mai 2012 die Bukarester Repräsentanz der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) für Rumänien und Moldau. Er studierte Politikwissenschaften in Berlin und London, vor seiner Berufung nach Bukarest war er u.a. Regionalkoordinator der FES für den Südkaukasus.

Ort: Im “Leonhardt” Stuttgarter Platz 21/Leonhardtstrasse 10627 B-Charlottenburg (S-Bahn Charlottenbg. U-Bahn Wilmersdorferstr.)

Die nächsten Termine:

  • 25. November 2015, Eva Ruth Wemme: Meine 7000 Nachbarn – Über das Leben mit rumänischen Roma in Berlin, (Buchvorstellung und Diskussion)

Jour Fixe – 2. Oktober 2015, 19.00 Uhr

Alin Uhlmann Useriu (Piatra Fantanele/Rumänien): Aufforsten statt Abholzen: Rettet den rumänischen Wald! Aktionen gegen die internationale “Holzmafia”

Vortrag, Fotos, Filme

Rumäniens unberührter Wald mit seinen Jahrhunderte alten Eichenhainen ist durch legales Abholzen und illegalen Raubbau („Holzmafia“) bedroht: noch gibt es 6,6 Millionen Hektar Wald. Aber es verschwinden jede Stunde ca. 3 Hektar, seit 1990 fast 400.000 Ha. Etwa die Hälfte des Bestandes gehört Privatleuten. Zunehmend investieren internationale Unternehmen in die kostbare Ressource „Wald“. Im Juli kaufte der Möbelkonzern Ikea von Privat 33.600 Ha, eine Fläche größer als der Stadtstaat Bremen, und ist jetzt der zweitgrößte Waldbesitzer. Das österreichische Holzunternehmen Schweighofer ist in Rumänien mit 500 Millionen Umsatz Marktführer und muss sich gegen den Vorwurf verteidigen, illegal geschlagenes Holz zu verarbeiten. Die von Alin Uhlmann Useriu gegründete NGO „Tasuela Social“ kämpft gegen den Raubbau in den Wäldern. Das bayerische Umweltministerium hat der Organisation eine Partnerschaft angeboten. Tasuela Social wird von vielen Rumänen unterstützt, darunter der bekannte Schriftsteller Mircea Cartarescu.

Alin Uhlmann Useriu ist ein rumänischer Umweltaktivist der ersten Stunde: nach einigen Jahren in Deutschland, wo er bei der Auslandshilfe der Johanniter engagiert war, kehrte er nach Rumänien zurück mit dem Wunsch, in seiner Heimat Denk- und Handlungsanstöße zu geben für Umweltschutz, Sozialarbeit und ehrenamtliches Engagement. Vor bald 15 Jahren gründete er im Borgo-Gebirge, über dem Dorf Piatra Fantanele (Gemeinde Bistrita) die Siedlung „Tasuleasu Social“ für rumänische und auch deutsche Jugendliche: „Wir haben uns vorgenommen, die Mentalität von Menschen zu verwandeln und zu zeigen, dass die Jugendlichen sich engagieren möchten um soziale Probleme zu lösen“. Was Alin Uhlmann-Useriu in Gang gesetzt hat, ist beeindruckend: 70 Tonnen Müll wurden mit der Aktion „Verde003“ gesammelt, 2200 rumänische Ehrenamtliche reinigten 450 km Flusslauf. Rumänische und deutsche Jugendliche pflanzten bis zum Jahr 2011 mehr als 150.000 Bäume. Vor einem Jahr wurden im Kreis Temeswar weitere 6.000 Schösslinge gesetzt.

Ort: Im “Leonhardt” Stuttgarter Platz 21/Leonhardtstrasse 10627 B-Charlottenburg
(S-Bahn Charlottenbg. U-Bahn Wilmersdorferstr.)

Nächster Jour Fixe: Dienstag, 13. Oktober: Matthias Jobelius, Bukarest, über eine neue Studie: Warum junge Rumänen ihr Land verlassen wollen.

Jour Fixe – 11. Juni 2015, 19.00 Uhr

Hannelore Jorgowitz (Berlin): Rumänien im Wandel: “Social Entrepreneurship” Neue Unternehmensgründungen mit sozialer Selbstverpflichtung

Vortrag, Fotos, Filme

Auch in Rumänien entstehen in den letzten Jahren Unternehmen, bei denen die Gewinnerzielung nicht im Vordergrund steht. Sie wollen ihre unternehmerische Tätigkeit vor allem für einen positiven Wandel der Gesellschaft einsetzen. Ein „Social Entrepreneur“ engagiert sich z.B. im Umweltschutz, Bildung, Armutsbekämpfung: er will Arbeitsplätze für Menschen schaffen, die, wie Roma, sozial benachteiligt sind. Die von realistisch denkenden Idealisten gegründeten Unternehmen bieten ihre Produkte und Dienstleistungen regulär auf dem freien Markt an. Im Gegensatz zu den Unternehmen des freien Marktes haben diese rumänischen Sozialunternehmen keine Gewinnerzielungsabsicht beziehungsweise sie reinvestieren ihre Gewinne erneut in soziale Projekte.
Hannelore Jorgowitz hat soziale Unternehmen in Rumänien besucht; sie berichtet über die landwirtschaftliche Kooperative „ASAT ROMANIA”, die sich einer solidarischen und biologischen Landwirtschaft verpflichtet hat. In der Nähe von Timișoara gibt es das “Curtea Culorilor” (“Haus der Farben“): eine italienische Nonne baut einen landwirtschaftlichen Bio-Betrieb mit einer wunderbaren Käserei auf, um junge (Roma)Frauen zu unterstützen, die sonst möglicherweise auf der Straße landen würden. Eine Besonderheit ist „CRIES“: dahinter steckt eine Beratungs-und Informationseinrichtung, die von einer Frau aufgebaut wird. Es handelt sich um einen “Hub” (Drehkreuz) für kleinere NGO´s und Bürgerinitiativen, damit diese an die nötigen Informationen kommen und (Weiter)Bildungsmöglichkeiten nutzen können.

Hannelore Jorgowitz, Diplom-Volkswirtin, Politikwissenschaftlerin, geboren im rumänischen Arad, dreisprachig aufgewachsen. Sie arbeitet als Datenschutzberaterin und Datenschutzprüferin bei einer Berliner Unternehmensberatung. Hannelore Jorgowitz ist Mitglied der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft

Ort: Im “Leonhardt” Stuttgarter Platz 21/Leonhardtstrasse 10627 B-Charlottenburg (S-Bahn Charlottenbg. U-Bahn Wilmersdorferstr.)

Juli und August: Sommerpause! – weiter im September

Jour Fixe – 28. Mai 2015, 19.00 Uhr

Kristin Eichhorn, Sören Haberlandt, Patrick Kehrer: Rumänien im Wandel: Ökologische und Soziale Bürgerproteste. Das FU-Projekt „Growing Roots“

Vortrag, Fotos, Filme

Vor fünfzehn Jahren begann der Protest der Bewohner des hoch gelegenen Dorfes Roșia Montană im Westen Rumäniens gegen den Abbau der Goldvorkommen und damit ihre Umsiedlung und die Gewinnung des Goldes durch Zyanit. Der mutige, schlaue Protest der Bergbauern gilt unter Politikwissenschaftlern als „Mutter der rumänischen Zivilgesellschaft“. Die Umweltbewegung entwickelte sich zu einem Anti-System-Protest. Im Januar 2012 kam es in mehreren rumänischen Orten zu Protesten gegen die Gesundheitsreform. Wegen Roșia Montană demonstrierten im Herbst 2013 in Bukarest erneut 20.000 Menschen. Gegen den Goldabbau zu protestieren, hieß auch, gegen Korruption, Klientelpolitik und Privatisierung zu kämpfen. 2013 begannen auch die Proteste gegen „Fracking“ in Pungești in Ostrumänien, wo der Ölkonzern Chevron Förderung von Schiefergas betreiben will. Beide Umweltbewegungen beschleunigten die politischen und sozialen Proteste. Welches sind die Akteure und Strategien der Proteste, wie die Bedeutung für die Zivilgesellschaft?

Kristin Eichhorn, Sören Haberlandt und Patrick Kehrer stehen kurz vor dem Abschluss ihrer Studien am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin. Als Teil des Projektkurses „Ziviler Ungehorsam? Gesellschaft und Staat in Osteuropa“ recherchierten sie vor Ort die Entwicklung der ökologischen und sozialen Bürgerproteste in Rumänien. Ihr Projekt „Growing Roots“ wurde u.a. von der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft unterstützt.

Ort: Im “Leonhardt” Stuttgarter Platz 21/Leonhardtstrasse 10627 B-Charlottenburg (S-Bahn Charlottenbg. U-Bahn Wilmersdorferstr.)

Die nächsten Termine:

  • 11. Juni: Hannelore Jorgowitz: Rumäniens Gesellschaft im Wandel II: Unternehmensgründungen mit Sozialer Selbst-Verpflichtung

Juli und August: Sommerpause!

Jour Fixe – 4 Mai 2015, 19.00 Uhr

Andreas von Mettenheim (Berlin): Deutschland und Rumänien: Stolz und Vorurteil in der gegenseitigen Wahrnehmung

Gegensätzlicher könnten die landläufigen Vor-Urteile über die Menschen in Deutschland und Rumänien kaum sein: die Deutschen gelten als diszipliniert, kühl, humorlos und ehrgeizig. Das Stichwort „Rumänien“ wird unweigerlich mit Korruption, bettelnden Roma, Schlamperei, Banden und „Dracula“ in Verbindung gebracht. Welchen geschichtlichen und kulturellen Hintergrund haben solche Vorurteile und tiefsitzenden Ressentiments, die das „Image“ eines Landes hervorbringen? Wieso wird Deutschland mit Lederhose und Sauerkraut in Verbindung gebracht? Welche Rolle spielt das überwiegend negative Bild vom „Balkan“, der mehr ist als eine regionale Zuordnung von Staaten wie Rumänien, Ungarn, Bulgarien und Ex- Jugoslawien?
An die Auswirkungen von meistens diffusen Urteilen und Bildern über einen Staat und eine Nation knüpft das „Nation Branding“ an. „Nation Branding“ ist der Versuch, einem Staat mit Hilfe moderner Kommunikationsmethoden sowie PR und Werbung ein gutes Image zu verschaffen, das einer Handelsmarke nicht unähnlich ist. Ziel ist, das Vertrauen in das jeweilige Land zu stärken, Tourismus und Exporte anzukurbeln und das Land für ausländische Investoren attraktiver zu machen.

Andreas von Mettenheim war von 2009 bis 2013 deutscher Botschafter in Bukarest. Seine Überlegungen zu dem aktuellen Thema “nation branding” beruhen auf der kontinuierlichen Befassung mit dieser Frage während seiner Zeit in Rumänien sowie auf seinen in diesen Jahren gemachten praktischen Erfahrungen. Der Diplomat legt Wert auf die Feststellung, dass er nicht als Amtsperson spricht, sondern als kritischer Beobachter, der auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland das Interesse an seinem früheren Gastland nicht verloren hat.
Andreas von Mettenheim, Studium der Rechtswissenschaft u.a. an der französischen Elite-Schule ENA in Paris, 1975 Auswärtiger Dienst, diplomatische Stationen u.a. Indien, Spanien, Frankreich, Russland, 1999-2002 Leiter des persönlichen Büros des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, von 2009 bis 2013 Deutscher Botschafter in Bukarest.

Ort: Im „Leonhardt“ Stuttgarter Platz 21/Leonhardtstrasse 10627 B-Charlottenburg (S-Bahn Charlottenbg. U-Bahn Wilmersdorferstr.)

Die nächsten Termine:

  • 28. Mai: “Growing Roots” – Rumäniens Gesellschaft im Wandel I: Berichte von und mit Umwelt-Bürgerinitiativen aus Rumänien und Deutschland
  • 11. Juni: Hannelore Jorgowitz: Rumäniens Gesellschaft im Wandel II: Unternehmensgründungen mit Sozialer Selbst-Verpflichtung

Juli und August: Sommerpause!

Jour Fixe – 15. April 2015, 19.00 Uhr

Dr. Gerhard Köpernik (Berlin): Rumäniens „Eiserne Garde“ und die Nazis – Ein GeschichtsRückblick im Jahr 70 nach Ende des 2. Weltkriegs

Lichtbildervortrag und Buchvorstellung

Die rumänische „Eiserne Garde“ war eine antisemitische, antidemokratische, gewaltbereite Organisation, gegründet nach dem 1. Weltkrieg. Ihre mystisch-orthodoxe Ausrichtung übte eine große Faszination aus. In den 1930ziger Jahren war sie, mit etwa 250.000 Mitgliedern, die drittgrößte faschistische Partei Europas (nach Deutschland und Italien).
Mit dem faschistischen Rumänien hatte sich das Deutsche Reich 1940 aus ökonomisch- militärisch-geopolitischen Gründen verbündet. Rumänien wurde von Hitler geschätzt als wichtiger Lieferant von kriegswichtigem Erdöl und Getreide und als ideales Aufmarschgebiet im 2. Weltkrieg. Zur Eisernen Garde, die zeitweise in Bukarest mitregierte, bestanden, vor allem bei der SS, enge Beziehungen.

Im Januar 1941 putschten die Gardisten brutal und erfolglos gegen Marschall Antonescu. Etwa 300 flohen nach Deutschland. Wegen des Putsches gegen den von Hitler geachteten Antonescu waren sie dort zwar in Ungnade gefallen, erhielten aber dennoch eine Art Asyl. Etliche wurden in Konzentrationslagern (Buchenwald, Sachsenhausen, Dachau) inhaftiert, allerdings als „Ehrenhäftlinge“, die, von den KZ-Opfern und deren Not abgeschirmt, kein allzu schlechtes Leben führten.

Gerhard Köpernik hat in seinem Buch viele Details über ein wenig bekannten Kapitels der deutsch-rumänischen Beziehungen in den Jahren 1938 – 1945 zusammen getragen und auch recherchiert, was aus den Gardisten nach 1945 geworden ist.

Dr. Gerhard Köpernik, Studium der Rechtswissenschaft und Politik, lange Jahre in verschiedenen Abteilungen des Bundeswirtschaftsministerium, 1979 bis 1983 Handelsattache an der deutschen Botschaft in Bukarest, 2008/09 im Auftrag der EU-Kommission in der Bukarester Umweltagentur tätig, Seit 2005 Präsident der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft, Buchveröffentlichung „Faschisten im KZ – Rumäniens Eiserne Garde und das dritte Reich“ (2015)

Ort: Im “Leonhardt” Stuttgarter Platz 21/Leonhardtstrasse 10627 B-Charlottenburg (S-Bahn Charlottenbg. U-Bahn Wilmersdorferstr.)

Die nächsten Termine:

  • 04. Mai: Andreas v. Mettenheim: Deutschland und Rumänien – Vorurteil und Stolz: die gegenseitige Wahrnehmung-
  • 28. Mai: “Growing Roots” – Rumäniens Gesellschaft im Wandel I: Berichte von und mit Umwelt-Bürgerinitiativen aus Rumänien und Deutschland
  • 11. Juni: Hannelore Jorgowitz: Rumäniens Gesellschaft im Wandel II: Unternehmensgründungen mit Sozialer Selbst-Verpflichtung

Jour Fixe – 25. März 2015, 19.00 Uhr

Dr. Anneli Ute Gabanyi (Berlin): Einhundert Tage Präsident Klaus Johannis. Eine Bilanz der ersten Präsidentschaftszeit

Sechs Millionen Rumänen wählten ihn direkt zum rumänischen Präsidenten; Mehrheiten von 60 bis über 90 Prozent sorgten weltweit für Aufsehen. Die Erwartungen an den lutherischen Siebenbürger Klaus Johannis, lange erfolgreicher Bürgermeister von Hermannstadt/Sibiu sind gewaltig; nach seinem Amtsantritt am 22. Dezember 2014 stieg das Vertrauen der Rumänen in die Politik sprunghaft an. Johannis versprach für mehr Wachstum zu sorgen, in den Straßenbau zu investieren, und, vor allem dies erhoffen die Rumänen: Es soll Schluss sein mit Klientelpolitik, Korruption und dem verrotteten „alten System“, das das schlechte Image der Rumänen im Ausland prägt. Im Jahr 2013 wurden über eintausend Regierungsbeamte wegen Korruption angeklagt; in den letzten Jahren mehr als 30 Minister. Fast täglich sieht man im Fernsehen Politiker, die in Handschellen abgeführt werden. Klaus Johannis mit seinem Image des „Saubermanns“ mit deutschen Sekundärtugenden hat die Chance zur Erneuerung des Landes, was aber kann er erreichen? Seine Kompetenzen sind begrenzt. Der durch diverse Unregelmäßigkeiten belastete Regierungschef Victor Ponta hat die Mehrheit im Parlament. Johannis muss mit ihm in einer „semipräsidentiellen Demokratie“ auskommen. Durch die Verfassung sind die Kompetenzen von Regierungschef und Staatspräsident nicht genau geregelt, Machtkämpfe sind vorprogrammiert. Dennoch: das Land hat seit dem Amtsantritt von Klaus Johannis aufgeatmet, die resignative Stimmung hat sich aufgehellt. 100 Tage nach dem Amtsantritt bilanziert die renommierte Rumänien-Kennerin Dr. Anneli Gabanyi erste Erfolge und erste Schwierigkeiten.

Dr. Anneli Ute Gabanyi, Politikwissenschaftlerin, siebenbürgisch-rumänische Herkunft, zahlreiche Veröffentlichungen u.a. zur rumänischen Revolution und den Folgen des Systemwechsels auch für Osteuropa. Studium der Anglistik und Romanistik an der Babeș-Bolyai-Universität in Cluj-Napoca/Klausenburg; politikwissenschaftliche und philosophische Studien u.a. in den USA. Nach der Ausreise aus Rumänien u.a. am Forschungsinstitut von Radio Free Europe, Wissenschaftliche Referentin der Stiftung Wissenschaft und Politik. Forschungen u.a. zur Republik Moldau, Nachbarschafts-und Schwarzmeerpolitik der EU.

Ort: Im “Leonhardt” Stuttgarter Platz 21/Leonhardtstrasse 10627 B-Charlottenburg
(S-Bahn Charlottenbg. U-Bahn Wilmersdorferstr.)

Die nächsten Termine:

  • 15. April: Dr. Gerhard Köpernik – Die „Eiserne Garde“ und die Nazis
  • 04. Mai: Andreas v. Mettenheim: Deutschland und Rumänien – Vorurteil und Stolz: die gegenseitige Wahrnehmung
  • 28. Mai: “Growing Roots” – Rumäniens Gesellschaft im Wandel I: Berichte von und mit Umwelt-Bürgerinitiativen aus Rumänien und Deutschland
  • 11. Juni: Hannelore Jorgowitz: Rumäniens Gesellschaft im Wandel II: Unternehmensgründungen mit Sozialer Selbst-Verpflichtung

Jour Fixe – 24. Februar 2015, 19.00 Uhr

Jürgen Israel (Berlin): Der Dorfschreiber aus der Stadt: Mein Jahr in einem rumänischen Dorf – Ein literarischer Bericht

mit: Frieder Schuller

Sich ein Jahr in Cata, Katzendorf, im siebenbürgischen Rumänien als „Dorfschreiber“ nieder zu lassen, verlangt Neugier, Ausdauer, Abenteuerlust und Liebe zu Menschen und Tieren. Der Berliner Autor Jürgen Israel war nicht selten mit den Schafen und den Schäfern des Dorfes von Sonnenaufgang bis zum Abend in der hügeligen Landschaft unterwegs. Er erlebte die brütende Sommerhitze und die Schnee- und Eiseskälte des rumänischen Winters. Er saß auf dem Bock der Pferdewagen, mit denen Holz geholt wurde. Er freundete sich mit Zigeunern (so lassen sich die Roma hier nennen) an. Er lebte im Schatten der vor 800 Jahren gegründeten Katzenburger Kirchenburg. Er wohnte im Jahrhunderte alten Pfarrhaus, in dem Frieder Schuller, der Initiator des Dorfschreiberpreises geboren wurde. Als Dorfschreiber hatte Jürgen Israel, so bestimmte es Frieder Schuller, auch die Aufgabe: „sich zu wundern“. Jürgen Israel ließ sich mit Herz und Verstand auf das manchmal verwunderliche und ungewohnte Leben ein. Über seine Beobachtungen, Begegnungen und Empfindungen schrieb er ein literarisches Tagebuch, aus dem er lesen wird. In Katzendorf, so hieß Cata, als der Ort noch von Siebenbürger Sachsen bewohnt wurde, leben heute etwa 1000 Menschen, Roma, Rumänen, Ungarn.

Jürgen Israel studierte Altertumswissenschaften und Germanistik in Jena. Wegen Wehrdienstverweigerung Gefängnis von 1970 bis 1972, danach Berufsverbot als Verlagslektor. Ab 1973 offiziell „Sachbearbeiter für Export“, in Wahrheit Lektor bei einem Leipziger Verlag. Später freiberuflicher Autor, Lektor, Publizist, zahlreiche Veröffentlichungen, 1999 Stipendium Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, 2001 Stadtschreiber von Rheinsberg, 2013/14 Dorfschreiber von Katzendorf.

Frieder Schuller, aus Katzendorf stammender Berliner Filmemacher, Lyriker, Regisseur. Begründete den “Dorfschreiberpreis”. Gemeinsam mit dem rumänischen Schriftstellerverband und der Zeitschrift „Satul“ (Das Dorf) wurde der Preis 2011 erstmals ausgelobt.

Ort Im “Leonhardt” Stuttgarter Platz 21/Leonhardtstrasse 10627 B-Charlottenburg (S-Bahn Charlottenbg. U-Bahn Wilmersdorferstr.)

Die nächsten Termine:

  • 24. März: Dr. Anneli Gabanyi – Präsident Klaus Johannis: Bilanz der ersten 100 Tage
  • April: Dr. Gerhard Köpernik – Die „Eiserne Garde“ und die Nazis
  • Mai: “Growing roots” – Zivilgesellschaft und Protestkultur in Rumänien

Jour Fixe 29. Januar 2015, 19.00 Uhr

Matthias Jobelius (Bukarest): Volle Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus Rumänien – Chancen, Vorteile, Risiken: Bilanz nach einem Jahr

Seit einem Jahr, seit dem 1.1. 2014, ist der deutsche Arbeitsmarkt auch für Arbeitnehmer aus Rumänien und Bulgarien geöffnet. Damals herrschte in Deutschland eine aufgeregte Debatte über eine „Armutseinwanderung“ in das deutsche Sozialsystem, auf die man sich nun gefasst machen müsse. Politiker und Medien schürten fremdenfeindliche Vorurteile und Panikmache. Zu kurz kamen in der öffentlichen Diskussion sachliche Argumente über die Vorteile, Chancen, aber auch die neuen Herausforderungen, die mit der vollen Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus diesen beiden Staaten einhergehen. Ein Jahr später stellen Arbeitsmarktexperten fest: es hat weder Masseneinwanderung nach Deutschland gegeben noch einen schweren Missbrauch der Sozialsysteme. Rumänen (und Bulgaren) sind seltener arbeitslos als der Durchschnitt der Deutschen; sie sind gut im Arbeitsmarkt integriert.
Nach diesem ersten Jahr der vollen Arbeitnehmerfreizügigkeit für Rumänen (und Bulgaren) ziehen wir Bilanz: Was hat sich nach einem Jahr für die Rumänen verändert? Wie viele sind gekommen und wie ist deren Arbeitsmarktsituation in Deutschland (Beschäftigung, Arbeitslosigkeit, Gehaltsstruktur, Leistungsbezug, Gefahr der Ausbeutung durch mafiöse Geschäftemacher, Schwarzarbeit), auch im Vergleich zu anderen Zuwanderergruppen? Wie ist die Lage in den Kommunen? Was sind Gründe für die Abwanderung aus Rumänien, wie ist die soziale Lage im Land und was sind Migrationsmuster in Rumänien?

Matthias Jobelius leitet seit Mai 2012 die Bukarester Repräsentanz der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) für Rumänien und Moldau. Er studierte Politikwissenschaften in Berlin und London, vor seiner Berufung nach Bukarest war er u.a. Regionalkoordinator der FES für den Südkaukasus.

Ort: Im „Leonhardt“ Stuttgarter Platz 21/Leonhardtstrasse 10627 B-Charlottenburg (S-Bahn Charlottenbg. U-Bahn Wilmersdorferstr.)

Die nächsten Termine:

  • Februar: Jürgen Israel – Mein Jahr in Cata (Katzendorf), einem rumänischen Dorf
  • März: NN – Präsident Klaus Johannis: Die ersten 100 Tage
  • April: Dr. Gerhard Köpernik – Die „Eiserne Garde“ und die Nazis