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Nachruf: „Beste Grüße im Sinne der Sache”

Mit Ortwin-Rainer Bonfert hat die Deutsch-Rumänische Gesellschaft ein engagiertes Vereinsmitglied verloren. Er lebte zurückgezogen in Stuttgart und war den wenigsten von uns persönlich bekannt. Die Entfernung zu überwinden gelang uns per Telefon, e-Mail und zoom. Er war das erste Vereinsmitglied außerhalb Berlins, das trotz der Entfernung den Mut hatte, für den Vorstand zu kandidieren – im Bewusstsein darüber, dass es „im Sinne der Sache” nutzbringend sei. 

Und die Teilnahme an der Debatte, am kulturellen, politischen und kulturpolitischen Diskurs, hat Bonfert über die letzten Jahre mit seinem umfassenden publizistischen Wirken perfektioniert. Mag er auch als Person nahezu unsichtbar gewesen sein – als Schreiber, Rezensent, Kommentator, Ratgeber war er es ganz gewiss nicht. Seit vielen Jahren schrieb er auch für die Deutsch-Rumänischen Hefte, die Halbjahreszeitschrift der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft. 

Bei der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien (ADZ) hatte Bonfert einen festen Platz und versorgte uns spätestens seit er im April 2024 Mitglied geworden war, regelmäßig mit Hinweisen auf seine Beiträge in der ADZ. Umgekehrt kam er auf die Idee, über die Wahl des neuen DRG-Vorstandes vom November 2023 einen Artikel in der ADZ zu platzieren. In typisch Bonfert’scher Manier schließt er:

Die Realo-Enthusiasten der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft möchten offensichtlich die Begeisterung für die Regionen Rumäniens sowie verstärkt die Republik Moldau wecken, den interkulturellen Dialog fördern, die Menschen hüben und drüben miteinander ins Gespräch bringen, aber auch auf real existierende Probleme in Rumänien und der rumänischen Diaspora lösungsorientiert aufmerksam machen.

Die Wertschätzung, die er uns als Freund und Mitgestalter entgegengebracht hat, war eine ehrlich gemeinte und umfassende. Er wusste, was es bedeutete, für eine Sache zu kämpfen und war bei allem, was er zu sagen hatte, und womit er den Verein vorwärts bringen wollte, immer auch auf den Wert des Ehrenamtes bedacht: […] wegen mir bitte keinen Aufwand betreiben – es ist ja alles ehrenamtlich […]”, mailte er im Juni 2024.

Bonferts „Hands-on-Mentalität”, wie er einmal sagte, zeigte sich in der relativ kurzen Zeit, in der wir intensiveren Kontakt hatten und zusammenarbeiteten, in einer Fülle an kritisch-würdigenden Beobachtungen, Text-Entwürfen für Pressemitteilungen und Einladungen und Empfehlungen. Unserem Aufruf, sich im neu zu wählenden Vorstand mit zu engagieren, folgte wenige Tage später ein vierseitiger Maßnahmen-Katalog aus Stuttgart. Er hatte Vorschläge für die Vereinsadministration, Mitgliedsbeiträge, die Deutsch-Rumänischen Hefte, zur Zweisprachigkeit der Vereinsangebote und unserer Öffentlichkeitsarbeit. Bescheiden schloss er:

[…] Ja, mir ist klar: Auch meine Mitteilung könnte einfacher & kürzer sein. Aber was soll’s, ich bin fern weg in Stuttgart und kann mich nur per Email einbringen. Daher: bitte einfach bedienen, vielleicht ist etwas Brauchbares dabei. 

Als Streiter für die Sache war er sowohl an bestimmten Themen als auch am Vereinsleben interessiert. So trieb ihn z.B. die rechtliche Lage von (rumänischen) Saisonarbeitskräften in Deutschland um, wie etwa seine kritische Reaktion auf eine Fernsehsendung zeigt:

[…] Eine ausgewogene Berichterstattung wäre wichtig auch für den gesellschaftlichen Frieden, in Zeiten, in denen über ausländische Arbeitskräfte zumeist nur dann berichtet wird, wenn es um Betrug bei Sozialleistungen geht. Das ist eine sozial gefährliche Schieflage […] (Mail vom September 2025).

Ebenso trat er leidenschaftlich für die Sache der Siebenbürger Sachsen, bzw. der Deutschen aus / in Rumänien ein. Zum Rücktritt des Präsidenten Klaus Johannis schrieb er uns:

Er hat die letzte Chance verstreichen lassen, sich einzubringen, als die Venedig-Kommission am 27.01.2025 die Überarbeitung des Wahlgesetzes anregte. Mit Unterstützung der USR wurde ein Misstrauensantrag gegen ihn eingebracht – absehbar. Mehr als pseudoreligiös-nationalistische Kräfte fürchten Rumäniens Bürger die Nachrichtendienste. Weil er bis zuletzt schwieg, kommt nun des Präsidenten unrühmlicher Abgang, trotz einiger bemerkenswerter Leistungen in der Vergangenheit. Sein bitteres / verbittertes Ende fällt nachhaltig auch auf die deutschsprachige Minderheit zurück, aus deren Mitte er hervorging (Februar 2025 per Mail).

Bonfert wurde 1972 in „Hermannstadt/ Sibiu/ Nagyszeben”, wie er es nannte, geboren und ist dort zweisprachig aufgewachsen. Später kamen Ungarischkenntnisse und Englisch hinzu. Er war Dipl.-Ingenieur mit Projektleitung, Consulting, Geschäftsführung in Deutschland, Österreich, Ungarn und Rumänien. In den 90ern prägte er die Jugendarbeit der Siebenbürger Sachsen in Deutschland. In den letzten Jahren widmete er sich publizistisch der Literatur und Kulturpolitik mit Bezug zu Rumänien mit Buchbesprechungen (Lyrik, Prosa, Fachliteratur), Interviews, Essays, Kolumnen, Berichten und zwar in der Bukarester ADZ, dem Onlinemagazin TEXTOR, den Deutsch-Rumänischen Heften der DRG, den Spiegelungen des IKGS. 

Der Siebenbürger Bonfert dachte, las und schrieb in zahlreichen Sprachen („es funktioniert/ las‘ că merge ṣi aşa/ mükodik/ it works”) und blieb auch nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland eng mit den Geschehnissen in Rumänien verbunden. Aus diesem Verbundensein speisten sich denn auch seine Kommentare, Initiativen und Texte. Und sein Engagement in der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft. In seiner Bewerbung um ein Vorstandsamt schrieb er:

Als Pragmatiker werde ich bedarfsgerecht und kreativ tätig sein, um die Vereinsziele zu verwirklichen – insgesamt und im Detail.

Die Nachricht seines viel zu frühen Ablebens bestürzt uns zutiefst, denn wir verlieren mit ihm einen echten Freund – eigenwillig, speziell, besonders. Manchmal waren seine Mails lang und schwer verständlich; immer aber ging es ihm um etwas, hatte er echte und wichtige Anliegen. Zuweilen waren es so viele Ideen, dass wir sie als kleiner Verein nicht unmittelbar oder manchmal auch gar nicht umsetzen konnten. Mitunter mussten wir dich, lieber Ortwin, vertrösten oder an besser geeignete AdressatInnen verweisen. Hoffentlich hast du uns das verziehen. Ruhe in Frieden!

Berlin, im Februar 2026

Der Vorstand